Remote Work ist nicht einfach nur eine „Modeerscheinung“, wie die so allzuoft hinter dem Container-Begriff New Work gesehenen Forderungen nach Obstkorb, Kickertisch oder Bällebad. Remote Work ist die Folge einer gravierenden gesellschaftlichen Veränderung, die die Menschheit zurzeit erlebt

Ich bin überzeugt davon, dass sich die Menschheit heute in einem epochalen Umbruch der Zivilisation befindet, einer „stillen Revolution“, wie sie es das letzte Mal vor etwa 250 Jahren erlebt hat, als die feudale Agrar-Gesellschaft von der Industriegesellschaft abgelöst wurde. Heute ist es der Übergang vom Industrie- hin zum Informationszeitalter. Die sich immer mehr globalisierende Welt der hungrigen Märkte, in der „wenn-dann-Beziehungen“ vorherrschten, wird abgelöst von einer kundendeterminierten erdumspannenden Wirtschaftsweise, die von Ausnahmen und Überraschungen sowie hoher Dynamik geprägt ist. Willkommen in der VUCA-Welt!

Das Industriezeitalter hat den Taylorismus hervorgebracht

Während mit der für damalige Erfordernisse ziemlich genialen Idee des Taylorismus die höchste Stufe der Industrialisierung erreicht und die darin vorherrschende kausal-komplizierte („blaue“) Wertschöpfung in eine bis dahin unvorstellbare Effektivität und Produktivität getrieben wurde und wird, in der Redundanz nur noch als störendes Rudiment gilt, hat dieses Modell heute zunehmend ausgedient. Nicht nur Produktion, Unternehmertum und Arbeit sind für dieses System optimiert worden, auch das gesamte gesellschaftliche Leben hat sich daran orientiert. So ist in ca. 250 Jahren Menschheitsgeschichte eine Welt entstanden, in der das Befolgen von Regeln als Grundlage einer perfektionierten Arbeitsteilung, „Dienst nach Vorschrift“ und Wasserfall-Hierarchie das Fundament der Wertschöpfung und des gesellschaftlichen Lebens darstellt. Einer hat gedacht, viele haben gemacht. An den Werkstoren wurden die Gehirne der Arbeiter beim Dienstbeginn abgeschaltet. In den Schulen wurden die Kinder zu Regel-Soldaten ausgebildet. Und das über Generationen! Management-Lehrbücher sind dafür verfasst und Unternehmensstrukturen entsprechend aufgebaut worden.

Im Informationszeitalter entsteht die VUCA-Welt

Und nun, in der VUCA-Welt, gibt es immer mehr kontingent-komplexe („rote“) Wertschöpfungsanforderungen. Teams müssen schnell Lösungen für überraschende Kundenanforderungen kreieren und dabei gewinnbringend verkaufbare Mehrwerte schaffen. Das für den Taylorismus optimierte Design der Matrix-Organisation ist damit überfordert. Formale Wasserfall-Hierarchien haben ausgedient, weil sie kreatives Handeln ausbremsen und teamorientierte Zusammenarbeit lähmen. Agile Strukturen, silofreies Arbeiten ohne Abteilungsgrenzen, projektbezogene Teams und nomadisierte Führung sowie entformalisierte Entscheidungsprozesse sind heute mehr und mehr die entscheidenden Faktoren für die zufriedenstellende Lösung von Kundenproblemen und damit unternehmerischen Erfolg.

Erschwerend kommt heute, in Zeiten des Übergangs von einer Entwicklungsstufe der Menschheit in die nächste, hinzu, dass beide Welten in verschiedenen Bereichen Gültigkeit haben. Sowohl die blaue, als auch die rote Wertschöpfung sind Bestandteile der real existierenden Wirtschaft.

Die kontingent-komplexe Form der Wertschöpfung und die Informationsgesellschaft gehören untrennbar zusammen und bedingen sich gegenseitig und sind somit feste Bestandteile einer neuen Epoche der Zivilisation.

Remote Work als notwendiger Bestandteil einer zeitgemäßen Wertschöpfung

Was hat das alles mit Remote Work zu tun?

Für die tayloristische Produktionsweise ist „Dienst nach Vorschrift“ das höchste Qualitätssiegel, das angestrebt wird. Die Verfahren sind bis ins kleinste Detail definiert und die Produkte zu 100% bekannt. Es gibt keine Notwendigkeit, dass der arbeitende Mensch in diesem System einen Sinn in seiner Tätigkeit sieht. Hauptsache es wird getan, was die vorgedachte Produktionslogik befiehlt.

Die heutige Wirtschaftsweise, die global, kundenorientiert und komplex ist, erfordert Unternehmen mit einem Organisationsdesign, das menschliche Kreativität, Eigenverantwortung der Mitarbeiter und Selbstorganisation von Teams ermöglicht. Nicht Wissen ist die Grundlage der Problemlösung für Kunden, sondern Können. Und das funktioniert nur mit Menschen, die des Sinn ihrer Tätigkeit kennen und schätzen. Sinnlosigkeit in der Arbeit führt zu Frustration und systematischer Schlechtleistung.

Remote-Arbeit ist sinnerfüllend, weil sie in digitalen Zeiten möglich ist und der Zwang, an einem festen Ort (Büro, Fabrik, Dienststelle) zu arbeiten, einen lästigen Arbeitsweg in Kauf zu nehmen und nicht zeitlich alternierend privates und berufliches erledigen zu können als sinnlos empfunden wird.

Darum ist Remote Work – Homeoffice oder ortsunabhängige Arbeit – nicht etwa ein Zugeständnis der Unternehmen an ihre Mitarbeiter, sondern notwendiger Bestandteil einer den aktuellen und zukünftigen Anforderungen an eine zeitgemäße Wertschöpfung.

Unternehmen, die das nicht akzeptieren, werden die Verlierer im Wettbewerb um die besten Mitarbeiter und kreativsten Köpfe sein.

Es grüßt Sie herzlichst
Ihr
Ralf Haase